Hallo,
gut, daß auch so ein heikles Thema hier einmal angesprochen wird
- heikel bleibt es natürlich trotzdem.
Ich versuche mal meine subjektive Sicht der Dinge dazu zu geben
- bei dem Thema bleibt das natürlich ebenfalls heikel und schwierig.
Vor allem mißverständlich. Darum werde ich etas mehr schreiben (oft
machts das aber nur umso mißverständlicher - sei es drum)
Ich würde nicht so weit gehen wollen, einen Menschen nur wegen seines
Traumas nun grundsätzlich von hoher Verantwortung ausschließen zu wollen.
Etwas ganz anderes ist, ob man ihm Unbefangenheit im Juristischen Sinne
zusprechen und darauf blind vertrauen kann.
Wobei das wirklich erschreckende für mich weniger Schäubles seltsame Tendenzen
sind ("spinnereien" darf man wohl nicht sagen, weil trotz der neutralen Herkunft
des Wortes - ala Seemanns-"Garn" - mancher Richter das als Beleidigung versteht).
Weit erschreckender ist für mich, daß die nicht unter diesem Trauma leidende
Umgebung Herrn Schäuble einfach so agieren läßt - das ist der eigentliche Skandal.
Denn Herr Schäuble selbst findet sich ja - jedenfalls aller Wahrscheinlichkeit nach -
ganz auf dem richtigen Weg. Aufgrund seines Traumas ist er ja gleichsam
vermindert schuldfähig, wenn er beispielsweise den Bezug zum Lebensrecht
im Grundgesetz zu verlieren droht.
Seine Umgegung aber kann nicht einfach sagen "sie wissen nicht, was sie tun."
Aber zurück zu meiner - nur kleinen - Kritik an Eurer Diskussion, die ich zu
90% allerdings völlig teile:
Ein Richter sollte völlig unbefangen sein - soweit das überhaupt Menschen möglich
ist. Ein Staatsanwalt jedoch ist Partei.
Im Deutschen Recht zwar weniger einseitig als im Amerikanischen, hier bei uns
wird ja noch die Fiktion aufrecht erhalten, Ankläger und Verteidiger stünden
in erster Linie im Dienst der Wahrheitsfindung und erst in zweiter Linie im
Dienst ihrer Auftraggeber (in den USA ist man da wohl ehrlicher, aber auch
beinhart).
Ein Staatsanwalt darf also durchaus auch - ein wenig - befangen sein.
Ein Trauma ist aber wohl der härteste Grad von Befangenheit - hier wäre
ein Posten als Staatsanwalt wohl etwas zu riskant.
Beim Polizisten ists ganz ähnlich. Ein Polizist darf durchaus auch mal befangen
sein im Sinne einer nicht 100%igen neutralität. Beispielsweise ist es mir
durchaus Recht, wenn bei einer Geiselbefreiung das Leben der Geiseln mehr
zählt, als das Leben der Geiselnehmer.
Aber ein Trauma ist auch für einen Polizisten ein zu hohes Maß an Befangenheit.
Im Beispiel: Ein Polizist, der einen nahen Angehörigen durch Geiselnehmer
verloren hat, der sollte nun nicht unbedingt in der GSG9 selbst aktiv an
Geiselbefreiungen teilnehmen, sonst ist wohl nicht auszuschließen, daß er
womöglich unter dem traumatischen Druck auch schon mal - natürlich versehentlich -
zu schnell schießt.
Und Schäuble?
Der Innenminister ist ja gleichsam - ich sage das in vollem Respekt - der
"oberste Polizist".
Ich bin froh, daß es die Polizei gibt - ohne sie wäre das Leben mit Sicherheit
deutlich schlimmer.
Aber muß ein offensichtlich traumatisierter nun unbedingt gleich der oberste
Polizist sein?
Ich stimme Euch zu: Das ist für sich schon eine Katastrophe, ohne daß man
Schäubles Vergangenheit und Gegenwart überhaupt noch genauer kennen muß.
ABER:
Als Berater - durchaus auch in leitender Funktion - kann ich mir durchaus auch
einen traumatisierten Menschen sehr gut geeignet vorstellen.
Beispielsweise der durch Geiselnahme selbst traumatisierte Polizist könnte
durchaus der GSG9 beratend zur Seite stehen - durchaus auch kritisch, indem
er beispielsweise deren Austrüstung kontrolliert usw.
Die Rettungshubschrauber mit Namen "Christoph" wurden bekanntlich nach einem
Kind benannt, das auf der Straße starb, weil nicht schnell genug ein
Rettungshubschrauber kam.
Die - mit Sicherheit - hoch traumatisierten Eltern setzten ihre gesamte
verbliebene Lebensenergie in die Schaffung dieser Rettungshubschrauber-Staffeln!
Damit haben sie sicher etwas gutes bewirkt, was weniger traumatisierte womöglich
gar nicht so schnell und so gut hätten bewirken können!
Beim Militär ists ja geradezu der klassische Fall, daß Generäle sich mit
ihren Kriegs-Spielen immer auf den "ernstfall" vorbereiten sollen - auch
wenn der eigentliche Ernstfall natürlich (zitat von Egon Bahr?) der Frieden
bleibt.
Darum gilt ja auch das Primat der Politik und das Militär soll sich der Politik
unterordnen und nicht umgekehrt. Ein General darf aber - im Gegensatz zum
Verteidigungsminister - durchaus auch schon mal gewaltorientiert denken.
Solange er eben an der Kette liegt!
Erstaunlicherweise waren es ja aber oft gerade die Generäle, die allzu
heißspornige Verteidigungsminister vom Krieg abhalten mußten - aber das
ist wohl eine andere Geschichte.
Immerhin: Am Beispiel Curtis E. LeMay, der ausgerechnet strategische B52-Bomber
als "Aufklärer" in Sowjetischen Luftraum eindringen ließ, damit die Russen auch
ja nicht in ihrer Panik nachlassen würden ("ist ja nur ein Aufklärer"), lag
offenbar nicht eng genug an der Kette:
http://de.wikipedia.org/wiki/Curtis_E._LeMay
Wenn solch ein Mensch während der Kuba-Krise in leit(d)ender Funktion sitzt,
dann ists doch eher ein Wunder, daß wir überhaupt noch alle leben. Keine
Metapher: Die Deutschen hätten es wohl mit als erste gespürt, wenn die
Kubakrise damals entglitten wäre.
Apropos Anti-Kommunismus:
Ich bin auch alles andere als ein Fan des nur knapp an Schäubles Schicksal
vorbei geschrammten Oskar Lafontain (der mal ein Messer in den Hals bekam).
Auch so ein traumatisierter - aber der war wohl immer schon so.
Und Kommunist bin ich schon überhaupt nicht.
Aber der schärfste Anti-Kommunismus eines LeMay hätte uns schon sehr leicht
über den Abgrund führen können.
Ob LeMay traumatisiert war, weiß ich nicht. Von einem wahren Genie (ohne Ironie!)
der Wissenschaft, von Edward Teller, der "Mutter der Wasserstoff-Bombe"
muß man es wohl annehmen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Teller
Vermutlich lag es daran, was die Russen mit seiner Heimat Ungarn anstellten,
aber Edward Teller hat nicht nur rein zufällig die Wasserstoffbombe erfunden.
Sein ganzes Leben lang hat er zuerst immer stärkere Bomben entwickelt - noch
lange nach den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki - und dann (natürlich mit
angeblich friedlichen Zielen) deren Einsatzfähigkeit gegen den Kommunismus
zu schärfen versucht durch unermüdlichen Einsatz für SDI.
Ein typisches Beispiel, daß ein traumatisierter auch in "nur" beratender
Funktion gefährlich werden kann.
Wobei Teller aufgrund seiner unbestreibaren Genialität vermutlich noch gefährlicher
war als es Schäuble heute sein kann.
Aber wie gesagt: Solange dessen Umgebung ihn so hemmungslos agieren läßt,
macht sie ihn erst weit gefährlicher, als er selbst in seinem Amt sein müßte.
Soweit meine - natürlich subjektive - Meinung.
Andere Meinungen?
cu,
Günter